Wie geht es weiter in der inklusiven WG während der Corona-Zeit?

Die aktuelle Situation ist der Super-GAU: Der Sohn oder die Tochter lebt in einer WG, überall ist das Virus und wir Eltern haben keinen Einfluss auf den Alltag.  Kann man sich darauf verlassen, dass das gut geht? Teil 2 einer kleinen Reihe.

Für den letzten Blogbeitrag sprach Katja Sengelmann mit Gerrit Gaidosch aus der inklusiven WG der Lebenshilfe in Gießen. Die WG besteht seit gut anderthalb Jahren. Hier wohnen aktuell 4 Menschen mit Unterstützungsbedarf und 5 ohne.

Eine Woche später gibt es eine Zoom-Konferenz mit den WG-BewohnerInnen. Am Küchentisch in Gießen sitzen Sorel, Oona, Fabian, Gerrit und Philipp und Christopher – ein großer Teil der WG. WG Leiterin Frauke Koch kommt gelegentlich hinzu. Das Gespräch am Bildschirm finden alle spannend und es wird viel gelacht. Es ist nicht ganz einfach, mit 6-7 Menschen zugleich zu reden. Die Sprechenden sind manchmal schwer zu hören und die Übertragung schlecht. Deshalb werden die Antworten im Folgenden zusammengefasst.

Es sieht so aus als würde es Euch gut gehen! Ihr seid viel mehr zuhause, weil die Werkstätten, inklusive Außenarbeitsplätze und Universitäten geschlossen haben. Wofür habt Ihr jetzt Zeit?

Christopher puzzelt gemeinsam mit einer Mitbewohnerin n einem großen Puzzle, außerdem hat er die WG – Dienstpläne jetzt noch mehr im Blick als zuvor. Sorel hat viel an der Uni zu tun und Zeit, sich dem gründlich zu widmen. Oona studiert ebenfalls, freut sich aber darüber, jetzt ihr Zimmer auszumisten, Sport zu machen und mit Fabian seinen neuen Powerlink auszuprobieren. Der Powerlink ist ein kompaktes, tellergroßes Gerät, mit dem sich zwei elektrische Geräte an- und ausschalten lassen. Zum Beispiel ein Radio oder eine Küchenmaschine. Im Alltag hat Fabian in seinem Rolli gar nicht so viel Zeit, ihn im Haushalt zu benutzen. Jetzt kann er es gründlich testen. Gerrit arbeitet konzentrierter als sonst an seiner Masterarbeit und Philipp hat mehr Zeit zum Malen und Kochen.

Verbringt Ihr als WG mehr Zeit miteinander?

Am Vormittag machen die meisten ihr eigenes Ding und sind für sich. Für die MitbewohnerInnen mit Unterstützungsbedarf ist der Dienstplan so organisiert, dass die nebenamtlichen Kräfte schon am Morgen kommen. Außerdem verabreden sich die Mitbewohner*innen mit Unterstützungsbedarf  mit einzelnen nebenamtlichen Kräften zum spazieren gehen usw. Auch die pädagogischen Fachkräfte (WG-Leiterin Frauke Koch und ihre Kollegin) sind regelmäßig da. Gegen Nachmittag wird der große Raum mit Küche und Lümmelecke belebter. Zum Abend hin versammeln sich jetzt zur Coronazeit oft einige Menschen um den Tisch und spielen und essen. Manchmal gibt es anschließend noch einen Film. Die WG ist gerade mitten in einem Harry Potter Marathon.  Außer den Betreuenden und dem Pflegedienst kommt kein Besuch mehr.

Wie geht Ihr mit Corona um?

In der WG wird bewusst nicht so viel über das Virus geredet. Bevor aber die Beschränkungen in Kraft getreten sind, gab es noch zwei sogenannte kleine Plena, in denen alle auf die kommende Zeit vorbereitet wurden. Im kleinen Plenum für die MitbewohnerInnen mit Unterstützungsbedarf wurde über das Corona-Virus, die damit einhergehenden wichtigen Hygieneregeln und das, was auf alle zukommen kann, gesprochen. Im kleinen Plenum für die MitbewohnerInnen ohne Unterstützungsbedarf wurde thematisiert, welche Maßnahmen ergriffen werden und wie die Unterstützungsleistungen in der WG organisiert werden können.

Oona, Sorel und Gerrit sind sich einig, dass sie sich nicht irre machen lassen wollen. Sie informieren sich nur über das Nötigste. Viel wichtiger finden sie es, sich gegenseitig ans Händewaschen zu erinnern. Und noch ist keiner genervt davon. Statt sich ständig zu umarmen, tauschen Gerrit und Christopher jetzt den Ellenbogengruß aus. Berührungen sind und bleiben wichtig und es wird sie weiter in der WG geben.

Für die WG-Leiterin Frauke Koch ist es Pflicht, sich über das Virus und die damit einhergehenden Maßnahmen zu informieren. Bis jetzt gab es noch keinen Corona-bedingten Ausfall in der Betreuung. Überhaupt funktioniert die Betreuung gut, weil alle flexibel und motiviert sind und sich der neuen Situation anpassen. Andernorts helfen z.B. die Mitarbeitenden von Werkstätten in Wohneinrichtungen, wo an den Vormittagen nun mehr Betreuungsbedarf ist.

Vermisst Ihr Eure Arbeit?

Fabian vermisst zwar seine Arbeit und hält Kontakt mit einem seiner Kollegen. Gleichzeitig findet er es „super“, gerade so viel Zeit in der WG zu haben. Philipp findet es ok, dem Biohof eine Weile lang fern zu bleiben. Allerdings fehlt ihm die Arbeit dort. Christopher als Alltagsbegleiter in einem Seniorenheim kommt ebenfalls gut damit klar, ein paar Wochen lang keine Senioren zu begleiten. Doch er vermisst sie und ruft ab und zu auf der Arbeit an und erkundigt sich, ob es allen gut geht.

Geht Ihr viel raus?

Die Wohnung liegt in einem Neubaugebiet von Gießen, aber es gibt einen Wald in der Nähe und den Klingelbach, an dem entlang man gut spazieren kann. Fabian wird regelmäßig zur Physiotherapie gebracht und dreht außerdem mit seinem E-Rolli Runden im Wohnquartier. Philipp hat mit einer nebenamtlichen Kraft vor kurzem Gartenarbeit verrichtet. Noch etwas ist neu: Weil Philipps Schwimmkurs ausfällt und Christopher nicht mehr Fußball spielen kann, fehlt der Sport. Gleichzeitig sind die Straßen von Gießen leerer als sonst – die WG fährt Fahrrad! Das funktioniert viel besser als sonst und alle sind begeistert.

Außerdem startet jetzt die Terrassen-Saison. Oona hat dort gerade Yoga gemacht und Philipp freut sich schon aufs Grillen.

Es ist toll zu sehen und zu hören, wie gut die Stimmung auch in der dritten Woche der verstärkten Corona-Regeln ist. Vielleicht schweißt das Virus die MitbewohnerInnen sogar noch enger zusammen!