„Was Ihr da wollt, das ist doch Luxus!“…

…das bekam Manu Giesen so oder ähnlich oft zu hören und so erzählte er es auf dem Stammtisch vom 8. April 2021.

Ist es Luxus oder Normalität: Eine Wohnungsgröße für Singles von 45 qm, 65 qm für Rolli-Nutzer*innen und 85 qm Wohnfläche für 2 Menschen in zentraler Wohnlage?

Es ist auf jeden Fall das, was Manu Dieter Giesen für seinen Sohn wollte, als er vor einigen Jahren anfing darüber nachzudenken, wo dieser einmal leben soll.

In seinem Wohnort Kassel gab es nichts, was seinen Vorstellungen entsprach. Und so entschied er gemeinsam mit einigen anderen Eltern: „Wir warten nicht weiter darauf, dass irgendjemand für uns den Wohnraum schafft, den wir für unsere Kinder wollen. Wir machen es selbst“.

Was genau sie wollten, wussten sie am Anfang nicht. Aber nach langem Suchen wurden die 2015 als WohnGeStein e.V. (Wohnen Gemeinsam Statt einsam) formierten Eltern fündig: Das Verwaltungsgebäude auf dem Gelände der Martinibrauerei inmitten der Stadt stand frei. Keine Frage, dass es für die Bedürfnisse von Menschen mit Unterstützungsbedarf saniert werden musste. Und finanziert. Eine Menge Arbeit.

Inzwischen war die Gruppe engagierter Eltern geschrumpft, am Ende waren es nur noch drei Parteien und der Träger aha e.V. (ambulante Hilfen im Alltag) kam mit an Bord. Eine gGmbH wurde gegründet. Finanziert von der Bank, privaten Leihgebern und Spenden wurde das Gebäude erworben und komplett saniert. 19 kleine, barrierefreie Wohnungen entstanden und die Bauarbeiten waren noch lange nicht abgeschlossen, als der erste Bewohner am 1. Juli 2020 einzog. So rasch wie es ging zogen auch die übrigen Bewohner*innen ein, denn die Kredite sind knapp kalkuliert und dennoch von der Bank bewilligt. „Wie das wirklich ausgeht, wissen wir erst hinterher.“ Die Mieten sind etwas höher als üblich und wurden mit dem Sozialamt als Sondervereinbarung ausgehandelt.

Es geht in dem Projekt darum, selbständig und selbstbestimmt zu leben. Einige wenige Wohnungen sind an Menschen ohne Unterstützungsbedarf vermietet. Es gibt aber für alle einen Gemeinschaftsraum, ein Entspannungsbad und eine Waschküche. Ein neu gegründetes Gartenteam könnte für ein wachsendes Wir-Gefühl sorgen, das in der begegnungsarmen Corona-Zeit noch nicht recht gediehen ist.

Manu Giesen weiß nicht, ob er das alles noch einmal genau so machen würde:

„Wunsch und Wirklichkeit verändern sich ständig. Aber mit der eigenen Betroffenheit haben wir Eltern die Kraft, etwas zu bewirken. Habt keine Angst vor Fehlern!“

Auf dem Foto oben ist Samson Giesen zu sehen. Fotografie: Nina Skripietz