Berliner Stammtisch für inklusives Wohnen

Hier treffen sich an inklusivem Wohnen Interessierte: Eltern junger Erwachsener, Angehörige, potentielle Mitbewohner*innen und Träger. Einfach alle, die das gemeinsame Leben von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung in Berlin verwirklichen wollen.
Wir treffen uns jeden zweiten Donnerstag des Monats an wechselnden Orten.(Neulinge melden sich bitte an: info@stammtisch-wohnen.de)

Der Mai-Termin fällt auf Himmelfahrt und findet nicht statt.

Nächster Termin ist der: 10. Juni 2021 um 18 Uhr 30

Mehr Infos gibt es Anfang Juni

Bis dahin einen schönen Frühling!





„Was Ihr da wollt, das ist doch Luxus!“…

…das bekam Manu Giesen so oder ähnlich oft zu hören und so erzählte er es auf dem Stammtisch vom 8. April 2021.

Ist es Luxus oder Normalität: Eine Wohnungsgröße für Singles von 45 qm, 65 qm für Rolli-Nutzer*innen und 85 qm Wohnfläche für 2 Menschen in zentraler Wohnlage?

Es ist auf jeden Fall das, was Manu Dieter Giesen für seinen Sohn wollte, als er vor einigen Jahren anfing darüber nachzudenken, wo dieser einmal leben soll.

In seinem Wohnort Kassel gab es nichts, was seinen Vorstellungen entsprach. Und so entschied er gemeinsam mit einigen anderen Eltern: „Wir warten nicht weiter darauf, dass irgendjemand für uns den Wohnraum schafft, den wir für unsere Kinder wollen. Wir machen es selbst“.

Was genau sie wollten, wussten sie am Anfang nicht. Aber nach langem Suchen wurden die 2015 als WohnGeStein e.V. (Wohnen Gemeinsam Statt einsam) formierten Eltern fündig: Das Verwaltungsgebäude auf dem Gelände der Martinibrauerei inmitten der Stadt stand frei. Keine Frage, dass es für die Bedürfnisse von Menschen mit Unterstützungsbedarf saniert werden musste. Und finanziert. Eine Menge Arbeit.

Inzwischen war die Gruppe engagierter Eltern geschrumpft, am Ende waren es nur noch drei Parteien und der Träger aha e.V. (ambulante Hilfen im Alltag) kam mit an Bord. Eine gGmbH wurde gegründet. Finanziert von der Bank, privaten Leihgebern und Spenden wurde das Gebäude erworben und komplett saniert. 19 kleine, barrierefreie Wohnungen entstanden und die Bauarbeiten waren noch lange nicht abgeschlossen, als der erste Bewohner am 1. Juli 2020 einzog. So rasch wie es ging zogen auch die übrigen Bewohner*innen ein, denn die Kredite sind knapp kalkuliert und dennoch von der Bank bewilligt. „Wie das wirklich ausgeht, wissen wir erst hinterher.“ Die Mieten sind etwas höher als üblich und wurden mit dem Sozialamt als Sondervereinbarung ausgehandelt.

Es geht in dem Projekt darum, selbständig und selbstbestimmt zu leben. Einige wenige Wohnungen sind an Menschen ohne Unterstützungsbedarf vermietet. Es gibt aber für alle einen Gemeinschaftsraum, ein Entspannungsbad und eine Waschküche. Ein neu gegründetes Gartenteam könnte für ein wachsendes Wir-Gefühl sorgen, das in der begegnungsarmen Corona-Zeit noch nicht recht gediehen ist.

Manu Giesen weiß nicht, ob er das alles noch einmal genau so machen würde:

„Wunsch und Wirklichkeit verändern sich ständig. Aber mit der eigenen Betroffenheit haben wir Eltern die Kraft, etwas zu bewirken. Habt keine Angst vor Fehlern!“

Auf dem Foto oben ist Samson Giesen zu sehen. Fotografie: Nina Skripietz

„Die allerbeschde Wohnform!“

Zwei Schwäbinnen zu Gast beim Berliner Stammtisch für inklusives Wohnen – das Online-Format während der Corona-Zeit hat auch Vorteile! Elke Krieg und Eva Konle erzählten am 11. März 2021 von der inklusiven 5er WG im Pforzheimer Stadtteil Brötzingen. Die eine als Mutter von Bewohner Patrick, die andere als erste Mitbewohnerin.

„Die WG ist eigentlich durch ein Missverständnis entstanden“, berichtet Elke. Nachdem sie einen Vortrag von Rudi Sack (GLL München) bei der Lebenshilfe gehört hatte, ging sie sofort zum Veranstalter und sagte: „Wenn Ihr eine inklusive WG einrichtet, möchte ich, dass Patrick mit einzieht“. Eine eigene inklusive WG war eigentlich nicht geplant, entstand aber dann doch: Zwei Wohnungen in einem Neubau wurden zusammengelegt und Patrick, seine Freundin Miriam und 3 weitere Bewohnerinnen ohne Unterstützungsbedarf zogen ein.

„Es lief von Anfang an gut“, erzählt Eva. „die WG war wie eine zweite Familie für mich, wir haben den Alltag zusammen verbracht und am Wochenende viele Ausflüge unternommen“. Einzig die Stundenzettel und zuweilen der Umgang mit dem Träger waren eine Herausforderung: Die drei Mitbewohner*innen sind auf 450 € Basis beim Träger angestellt – Wohnen gegen Hilfe. Zusätzlich kommt etwa 3-4 mal pro Woche eine Fachkraft zur Unterstützung.  Ab 22 Uhr ist immer jemand in der WG, Patrick und Miriam verbringen jedes zweite Wochenende abwechselnd bei den jeweiligen Eltern. „Heute würde ich die WG wahrscheinlich in Eigenregie führen“, sagt Elke.

So eine WG braucht eine Weile, bis sie rund läuft, und wünschenswert ist in jedem Fall eine wohlwollende WG-Begleitung; aber natürlich steht und fällt alles mit dem Engagement der jeweiligen Bewohner*innen: „Einmal war keine von uns zuhause und Miriam und Patrick mussten alles alleine machen“, erzählt Eva. „Wir haben sie aber von unterwegs aus angerufen und die Schritte durchgesprochen – hat alles geklappt!“

„Patrick ist viel selbständiger geworden, seit er vor fast fünf Jahren in die WG eingezogen ist“, sagt Elke. „Er macht auch jetzt mit 30 Jahren noch spürbar Fortschritte, zum Beispiel im Sprechen. Dabei wollte er anfangs gar nicht ausziehen. Das musste ich als Mutter initiieren. Heute sagt er: Ich lebe ein Super-Leben“

Elke Krieg ist Mitbetreiberin des Trägers WeGefinden- Fachdienst inklusives Wohnen

Eva Konle ist duale Studentin der sozialen Arbeit bei der Lebenshilfe Donau Ries

Filmtipp:

Während wir uns um inklusives Wohnen kümmern, wird anderswo für Teilhabe auf beruflicher Ebene gesorgt. Der neue Film der Filmemacherin Tabea Hosche zeigt Menschen, die Aus der Behindertenwerkstatt an die Uni kommen. Noch bis 7.3.22 in der ARD Mediathek.

Foto: Elke Krieger

„Ja, wir machen das!“

Als eine befreundete Mutter die Bremerin Doris vor gut sieben Jahren fragte, ob sie mit ihr eine inklusive WG gründen wolle, wussten beide noch nicht, worauf sie sich einließen. Zum Glück, denn: „Es war wahnsinnig viel Arbeit“. Aber das Ergebnis ist toll! „Meine Tochter Sarah-Lea ist wirklich glücklich hier“,  sagt Doris, als sie beim virtuellen Stammtisch am 14. Januar 2021 von der WG berichtet.

Der Platzbedarf für eine WG mit 8 Mitbewohner*innen ist enorm: Schon die Garderobe mit allen Wintermänteln plus Platz für Gästejacken könnte eine eigene Kammer füllen. Die drei Bäder sowie eine Extra-Toilette sind gerade in Corona-Zeiten Gold wert. Die Wohnung ist 330 qm groß. Im 80 qm großen Gemeinschaftsraum mit integrierter Küche sind unter anderem zwei Sofas, zwei Kühlschränke und ein riesiger Tisch untergebracht. Hier findet das WG-Leben statt mit gemeinsamen Mahlzeiten, Kniffel-Spielen und Fernsehabenden. Während der Lockdowns macht die WG hier Gymnastik. „Die Mitbewohner sind richtig gut zusammengewachsen“, sagt Doris.

Schick sind die Betondecke sowie auch der hochwertige Holzboden in der Wohnung

Eine so große Gemeinschaft ist nicht leise: die eine schließt geräuschvoll die Türen, die andere redet laut, der dritte singt in der Küche. Bei so einem Geräuschpegel sei es extrem wichtig, bei Planung und Bau auf eine gute Akustik zu achten, meint Doris.

Eine große Puzzelei war der finanzielle Part: Zum Beispiel Gelder durch Spenden und Anträge für die Einrichtung zu akquirieren. Und die verschiedenen Einkünfte der Mitbewohner*innen mit Unterstützungsbedarf zu koordinieren, um davon Miete, die Dienste der Studierenden und die Fachkräfte zu bezahlen.

Um all das zu schaffen, haben die drei initiierenden Eltern einen Verein gegründet, der die WG selbst betreibt. So erfolgreich, dass er zwei weitere WGs in Bremen plant. Viel Erfolg wünscht Doris den 17 Stammtisch-Teilnehmenden auch in Berlin!

Inklusive WG Bremen

Lest auch den Blogbeitrag vom 22. Oktober 2019

Weihnachts-Stimmung

Das war ein wirklich persönliches Treffen am 11. Dezember 2020 – eine Handvoll Teilnehmende, kein vorgegebenes Thema und die Aussicht auf die kommenden Feiertage. Es war ein bisschen: Fragen-was-man-immer-schon-fragen-wollte und hier stellte sich Hedda als Befragte zur Verfügung. Wieviel Platz braucht man eigentlich mit einem Rollstuhl im Bad? Wie stellst Du Dir Dein ideales Wohnen vor? Was hält vom gemeinschaftlichen Wohnen ab?

Beim Online-Quiz gingen 2×4 wunderbare Postkarten von den Wortfindern an gut informierte Kenner*innen der Szene – Glückwunsch!